Relevant und gar nicht schrullig – Die Goldenen Zitronen live im Gleis 22, 30.01.2014

Schon die Bühne sieht herrlich aus. Ein Sammelsurium von Geräten, die jahrzehntelang in kalten, dunklen Proberäumen stehen und immer wieder geduldig darauf warten, benutzt zu werden. Bis auf eine Akai MPC scheint kein Gerät jünger als 20 Jahre alt zu sein, viele haben deutlich mehr auf dem Buckel. Alte Orgeln, obskure Verstärker und hinten in der Ecke ein halbverwester VOX AC 30 mit lose in Streifen herabhängender Lautsprecherbespannung, dazu eine Dialeinwand aus den 1960er Jahren und ein verwarzter Videoprojektor. Keine Pedalboards, keine Marken, keine Potenz.

Gleich zu Anfang spielen sie zwei meiner Lieblingslieder. Scheinwerfer und Lautsprecher und Positionen. „Plötzlich neue Positionen, die Möglichkeit zur Handlung, und aus reinem wünschen springt überraschend neuer Anspruch.“ Ich liebe die Zitronen oder „die Goldies“ wie sie wohl nennt wer sie kennt, für solche Zeilen. Zum Beispiel zur Situation der Pseudo-Boheme in den tollen Kreativberufen: „Als mittelständischer Warhol in meinem Selbstverwaltungsalltag…“ und auch für Gentrifizierung und Konkurrenzgesellschaft finden sie die richtigen Worte. „Gebt den Menschen mehr Zeit, und schenkt ihnen viel mehr Raum!“ Ich erwische mich beim lauthals mitsingen, glückselig wie Andere es vielleicht auf dem Fußballplatz sind. Ein alter Punk versucht mich durch hartnäckiges anschubbern zum zurückschubsen zu animieren. Die sechs Herren in bunt-trashigen Kostümen auf der Bühne sind derweil so entspannt wie man es mit einhundertjähriger Bühnenpräsenz nur sein kann.

Der Kenner merkt vielleicht, ich bin kein alter Zitronenfan. Dass sie wenig alte Lieder gespielt haben, hat mich nicht gestört, weil ich nur die wenigsten davon kenne. Erst die letzten beiden LPs >Die Entstehung der Nacht und Who´s Bad haben mich zu ihnen gebracht. Ersterer merkt man das Bemühen an, auch nach 29 Jahren Bandgeschichte noch relevant und eben nicht nur skurril sein zu wollen. Für mich sind sie es und das Konzert im Gleis war ausverkauft überwiegend mit jungem studentischen Publikum gefüllt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *