Explodierendes Plastik und Markenhochzeiten

Es gibt Momente, in denen fühle ich mich ganz klein und rückständig und mein Kopf dreht sich. Mir wird schwindelig weil eine plötzliche Entdeckung mein ganzes Weltbild für ein paar Sekunden auseinandernimmt.
Solches geschah soeben, als ich nach Marcel Engh, dem Verfasser von “Popstars als Marke: identitätsorientiertes Markenmanagement für die musikindustrielle Künstlerentwicklung und -vermarktung” recherchierte.

Bei dem Buch aus dem Jahr 2006 handelt es sich um eine Anleitung für Majorlabel, wie sie einen Musiker als Marke erfinden und aufbauen können. Was macht dieser Mann heute? Arbeitet er tatsächlich für die Musikindustrie? Das tat er. Heute hat er seine eigene Firma, die sich auf Product-Placement spezialisiert hat. Aber nicht so wie Du denkst, hier wird keine Coladose in einem Musikvideo in die Kamera gehalten. Sondern andersherum: der Künstler wird in einem Produktumfeld plaziert: Paul Weller schreibt und singt einen Song zum 50. Geburtstag des Mini, zum Beispiel. Oder Pink macht einen Flashmob im Auftrag von T-Mobile. Es geht um Marken-Hochzeiten, könnte man sagen.
OK, das ist mir neu, weil ich die Mainstream Medien meide. Aber was mich schwindelig macht ist der Name der Firma: Exploding Plastic. Klingelt´s? Das ist der halbe Name der Multimedia-Show The Exploding Plastic Inevitable von Andy Warhol und The Velvet Underground aus dem Jahr 1966.
Wie kann sich jemand, der dezidiert Musik mit Konzernen verknüpft mit einem Namen schmücken, der mit einer anarchisch-düsteren Show verbunden ist, in der textlich Schattenseiten und Marginalisierte der bürgerlichen Gesellschaft im Mittelpunkt stehen, ein Lärmgewitter sondergleichen noch dazu, dass die Hippies in Kalifornien unausstehlich fanden? Bin ich jetzt naiv und dumm?
Versuchen wir eine Verbindung herzustellen im Gedankenuniversum des Markenbegriffs. The Exploding Plastic Inevitable</em> war die Verbindung einer Marke, Andy Warhol, mit dem Medium der Musik. Die Zusammenarbeit verhalf der zweiten, musikalischen und noch unbekannten Marke The Velvet Underground zur Basis ihres Ruhms. Als Marken-Hochzeit kann das Ereignis nur im Rückblick wahrgenommen werden. Warhol hob die industrielle Fertigung von Kunstwerken als Provokation in den Kunstbetrieb und erreichte, dass Darstellungen von Industrieprodukten an Museumswände gehängt wurden. Andy Warhol hatte kein Problem mit Vermarktung und Massenmarkt, die Velvets vermutlich auch nicht. Und so ist vielleicht doch nicht unpassend, dass ein Unternehmen, das Unternehmen dabei helfen will, Teil der persönlichsten Erfahrungen ihrer potentiellen Kunden zu werden, sich Exploding Plastic nennt. Es benennt Warhol als denjenigen, der den Marken den Weg zur Nutzbarmachung von Kultur für Unternehmensziele geöffnet hat. Das halte ich trotz dem hier gesagten für eine viel zu steile These.

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